Familienbewusste Unternehmen können die GeschlechterUNgerechtigkeit fördern

Sehr steile These!

Ja.

Und eigentlich genau das Gegenteil von dem, was wir seit Jahren sagen, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Denn familienbewusste Unternehmen sollen doch gerade Gleichstellung ermöglichen. Sie schaffen flexible Arbeitszeiten, ermöglichen mobiles Arbeiten, erleichtern Teilzeit, bieten Unterstützung bei Kinderbetreuung oder Pflege und geben Beschäftigten die Möglichkeit, neben dem Beruf auch noch ein Leben zu haben. Ein Leben mit Kindern. Mit pflegebedürftigen Angehörigen. Mit Ehrenamt. Mit Politik. Mit Freunden. Mit Hobbys. Oder schlicht mit Zeit für sich selbst.

Eigentlich müsste Familienbewusstsein doch ein Gleichstellungsmotor sein.

Aber.

Und jetzt kommt ein ziemlich großes Aber.

Was passiert, wenn in einer Partnerschaft nur eine Person bei einem familienbewussten Arbeitgeber arbeitet?

Nehmen wir ein Paar mit einem Kind. Ich wähle ganz bewusst den Klassiker, obwohl das Prinzip für alle Konstellationen gilt.

Sie arbeitet in einem Unternehmen, das Familienbewusstsein ernst nimmt.

Er hat den, wie Claudia Goldin ihn nennt, „greedy job“ – einen Job, der zeitlich so fordernd und unflexibel ist, dass er einen großen Teil des Lebens auffrisst. Wahlweise reicht auch ein ganz normaler Job bei einem nicht familienbewussten Unternehmen.

Wenn einer einen solchen Job hat und der andere einen familienbewussten, passiert etwas ziemlich Vorhersehbares:

Die Person mit dem „greedy job“ wird vom Job aufgefressen.

Die andere Person organisiert das Leben drumherum.

  • Sie kann morgens später anfangen, wenn die Kita erst um neun Uhr öffnet. Er muss um acht Uhr im Büro sein.

  • Das Kind ist krank? Sie arbeitet im Homeoffice.

  • Die Kita ruft an, weil das Kind Fieber hat? Sie holt es ab.

  • Die Schulaufführung findet um 14 Uhr statt? Sie geht hin und arbeitet abends „nach“.

Und irgendwann passiert etwas ganz Entscheidendes:

Die Flexibilität wird zur Zuständigkeit.

Nicht, weil das Paar das bewusst so entschieden hat, sondern weil es praktisch ist. Weil es möglich ist. Weil einer von beiden es eben kann.

Aber es geht auch nicht nur um Kinder.

Vereinbarkeit ist so viel mehr.

  • Die Waschmaschine ist fertig? Wer im Homeoffice arbeitet, hängt die Wäsche eben schnell auf.

  • Der Vater muss zum Arzt? Wer seine Arbeitszeit flexibel einteilen kann, übernimmt den Termin.

  • Die Wohnung muss dringend aufgeräumt werden? Wer mittags zu Hause ist, saugt eben schnell durch.

  • Auf dem Dorffest werden Helferinnen und Helfer für den Ausschank gesucht? Wer seine Arbeitszeit selbst organisieren kann, sagt eher zu.

Natürlich sind das Kleinigkeiten.

Aber genau diese – oftmals nicht sichtbaren – Kleinigkeiten sind es, die Carearbeit ausmachen. Wenn immer dieselbe Person die Möglichkeit hat, sie nebenbei und damit häufig unsichtbar zu erledigen, landet auch immer mehr davon bei dieser Person.

Aus Flexibilität wird Zuständigkeit.

Aus Zuständigkeit wird Arbeitsteilung.

Und aus Arbeitsteilung kann Ungleichheit werden.

Und plötzlich ist das familienbewusste Unternehmen nicht mehr nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems. Denn es kann – wenn auch unbeabsichtigt – dazu beitragen, dass die traditionelle Arbeitsteilung stabil bleibt.

Sollten familienbewusste Unternehmen also ihre Maßnahmen wieder einstampfen, weil es eh nichts bringt und womöglich sogar auf ihre Kosten geht, wenn ihre Mitarbeitenden neben dem Job auch noch Zeit für ihr Privatleben haben?

Nein!

Familienbewusste Unternehmen machen das Richtige für ihre Beschäftigen aber auch für sich, denn Familienbewusstsein zahlt sich aus und ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Studien zeigen: Beschäftigte, die Beruf und Privatleben besser miteinander vereinbaren können, stehen weniger unter Druck, können ihre Arbeitskraft nachhaltiger einsetzen und bleiben ihrem Arbeitgeber eher erhalten. Für Unternehmen bedeutet das bessere Bindung, weniger Fluktuation und einen größeren Zugang zu Fachkräften.

Familienbewusste Unternehmen sind nicht das Problem.

Das Problem sind die Unternehmen, die ihren Beschäftigten diese Möglichkeiten nicht bieten und deshalb könnte sich ein Blick nach Österreich lohnen. Österreich setzt finanzielle und steuerliche Anreize dafür, dass Arbeitgeber Vereinbarkeit unterstützen. So können Arbeitgeber beispielsweise Zuschüsse zu Kinderbetreuungskosten bis zu einem bestimmten Betrag steuer- und sozialversicherungsfrei gewähren. Auch betriebliche Kinderbetreuung wird steuerlich begünstigt.

Warum eigentlich nicht auch in Deutschland?

Warum belohnen wir Unternehmen, die nachweislich in eine familienbewusste Arbeitskultur investieren, nicht stärker? Nicht mit einem pauschalen Steuerbonus für ein nettes Zertifikat, sondern mit gezielten steuerlichen Anreizen für nachweislich wirksame Maßnahmen. Idealerweise auf Basis dessen, was Beschäftigte tatsächlich erleben. Denn Familienbewusstsein darf nicht nur auf dem Papier existieren.

Es muss im Alltag ankommen.

  • Bei Müttern.

  • Bei Vätern.

  • Bei Menschen, die Angehörige pflegen.

  • Bei Menschen, die sich engagieren.

  • Bei Menschen, die einfach auch ein Leben außerhalb ihres Jobs haben wollen.

Denn sonst passiert etwas ziemlich Paradoxes:

Wir modernisieren die Vereinbarkeit und konservieren die Arbeitsteilung.

Bildnachweis: pixabay – wal_172619

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