Das nachhaltigere Softskill-Seminar. Schickt die Väter in Elternzeit!

Keine Stellenanzeige kommt mehr ohne „Teamfähigkeit“, „Stressresistenz“ oder „kreative Lösungsfindung“ aus. Unternehmen suchen Mitarbeitende mit Softskills. Fehlen diese, werden die Beschäftigten gerne mal auf teure Seminare geschickt – bevorzugt Outdoor.

Um die eigenen Grenzen kennenzulernen, werden gestandene Männer in schwindelerregende Höhen getrieben, wo sie sich Tarzan gleich von einem Baum zum anderen schwingen. Um die Teamfähigkeit zu verbessern, treffen sie sich im tiefsten Winter in schicken Hotels und bauen gemeinsam Iglus. Und zur Förderung der Kreativität bekommen sie Schnüre und Baumstämme in die Hand gedrückt, aus denen sie eine Brücke über einen Bach bauen sollen.

Als Event bleiben solche Erlebnisse sicher in Erinnerung. Aber wie nachhaltig ist das Gelernte? Wie gut gelingt der Transfer in den Arbeitsalltag? Und wie lange hält der Effekt an, wenn der Alltag die Teilnehmenden wieder eingeholt hat?

Ich hätte da eine andere Idee: Schickt die Väter in Elternzeit! Gerne mehr als zwei Monate!

Denn Softskills lernt man nicht unbedingt an einem Wochenende. Viele dieser Fähigkeiten entwickeln sich vor allem dann, wenn wir im Alltag Verantwortung übernehmen, mit Unvorhergesehenem umgehen und uns immer wieder auf andere einstellen müssen. Und wo könnte das besser gelingen als in der Familie?

Willkommen beim „Training on the family“

Die Trainer sind erbarmungslos. Sie kennen keine Rücksicht auf Hierarchien. Das Feedback kommt unmittelbar und manchmal schonungsloser als in jedem Mitarbeitergespräch. Und das Training endet nicht nach zwei Tagen. Es dauert Monate, manchmal Jahre.

Nehmen wir die Resilienz.

Wer sich die Nacht mit einem kranken Kind um die Ohren geschlagen hat, am nächsten Morgen nicht ins Büro flüchten kann, sondern weiter im Dauereinsatz ist, Wadenwickel macht, Tee kocht und das Kind tröstet, lernt die eigenen Grenzen kennen. Und muss trotzdem handlungsfähig bleiben.

Dann kommt noch der Arztbesuch dazu, bei dem man stundenlang mit einem quengelnden Kind auf dem Arm wartet. Ein echter Belastungstest. Und das bisschen Haushalt ist danach auch noch nicht erledigt.

Natürlich macht eine schlaflose Nacht niemanden automatisch stressresistenter. Aber wer wiederholt Verantwortung übernimmt, mit Erschöpfung umgehen und Prioritäten setzen muss, sammelt Erfahrungen, die auch im Berufsleben wertvoll sein können.

Nächste Disziplin: Teamfähigkeit.

Spätestens wenn der Nachwuchs alt genug ist, eigene Vorstellungen durchzusetzen, ist Schluss mit „Heute gehen wir spazieren, und basta!“.

Die schlechte Laune der Kinder ist vorprogrammiert. Dass sie sich auf den Rest der Familie überträgt, häufig auch. Plötzlich geht es darum, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bekommen, Konflikte auszuhalten und einen Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können.

Wer dabei nur auf seine Position pocht, wird schnell feststellen: Das Team zieht nicht mit.

Auch das ist eine Erfahrung, die im Berufsleben hilfreich sein kann. Schließlich besteht Teamarbeit nicht darin, dass alle machen, was die Führungskraft sagt. Sondern darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Und dann wäre da noch die Kreativität.

Kinder können sich durchaus eine Zeit lang selbst beschäftigen. Man kann sie auch mal vor dem Fernseher parken. Aber an einem verregneten Nachmittag oder wenn die Kinder krank sind, ist das keine Dauerlösung.

Also ist Einfallsreichtum gefragt. Aus einer Decke über dem Esszimmertisch entsteht plötzlich eine Höhle, in der man sich vor wilden Einheimischen verstecken muss. Der Kleiderschrank wird zum perfekten Versteck beim Indoor-Versteckspiel. Und die Küche verwandelt sich in ein Chemielabor.

Wer Kinder betreut, lernt schnell: Der Plan funktioniert selten so, wie man ihn sich vorgestellt hat. Also braucht es Alternativen. Und manchmal eine Lösung, auf die man ohne die kleinen Mitdenker niemals gekommen wäre.

Was Unternehmen davon haben

Natürlich ist Elternzeit kein Ersatz für jede Form der Personalentwicklung. Und nicht jeder Vater wird durch die Betreuung seiner Kinder automatisch zum besseren Teamplayer oder zur resilienteren Führungskraft.

Aber Elternzeit eröffnet einen Erfahrungsraum, den kein noch so gut konzipiertes Seminar vollständig nachbilden kann: Man übernimmt über einen längeren Zeitraum Verantwortung, trifft Entscheidungen unter Unsicherheit, muss mit Konflikten umgehen und lernt, dass sich nicht alles kontrollieren lässt.

Das sind Erfahrungen, die auch für die Zusammenarbeit im Unternehmen relevant sein können.

Und anders als beim Wochenendseminar endet dieses Lernen nicht mit der Rückfahrt ins Büro.

Trotzdem haben viele Väter Angst, dass längere Elternzeit ihrer Karriere schadet. Und diese Angst ist leider nicht immer unbegründet. Noch immer werden lange Arbeitszeiten und ständige Verfügbarkeit in manchen Unternehmen mit Engagement verwechselt. Wer aus familiären Gründen kürzertritt, befürchtet, bei interessanten Aufgaben, Beförderungen oder Gehaltserhöhungen übergangen zu werden.

Dabei wollen viele Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen – nicht nur die üblichen zwei Partnermonate. Auch über die Elternzeit hinaus möchten sie sich stärker an der Familienarbeit beteiligen.

Sie brauchen deshalb nicht noch ein Seminar, das ihnen erklärt, wie wichtig Teamfähigkeit ist. Sie brauchen Arbeitgeber, die ihnen ermöglichen, Verantwortung in der Familie zu übernehmen, ohne dafür berufliche Nachteile befürchten zu müssen.

Zeit, den Mythos der Anwesenheit zu verabschieden

Unternehmen sollten väterliche Elternzeit nicht als Auszeit vom Berufsleben betrachten, sondern als selbstverständlichen Bestandteil einer Lebensphase, in der Menschen Verantwortung übernehmen – auch außerhalb des Jobs.

Das bedeutet nicht, dass Elternzeit ein Trainingsprogramm für bessere Beschäftigte sein soll. Väter sollten Zeit mit ihren Kindern verbringen können, weil Sorgearbeit zum Leben gehört und nicht allein an Müttern hängen bleiben darf.

Dass dabei Fähigkeiten wachsen können, die auch im Berufsleben gebraucht werden, ist ein zusätzlicher Gewinn.

Und noch etwas spricht dafür, Väter stärker einzubeziehen: Wenn sie einen substanziellen Teil der Betreuung übernehmen, kann das Müttern ermöglichen, früher oder mit größerem Stundenumfang in den Beruf zurückzukehren. Voraussetzung ist natürlich, dass beide Eltern das möchten und die Rahmenbedingungen es zulassen.

Davon profitieren im besten Fall alle: die Väter, die Kinder, die Mütter und die Unternehmen.

Also, liebe Arbeitgeber: Bevor ihr das nächste teure Outdoorseminar bucht, fragt euch doch einmal, ob eure Beschäftigten tatsächlich ein weiteres Training brauchen – oder ob ihr ihnen lieber die Zeit und die Rahmenbedingungen geben solltet, um Verantwortung auch außerhalb des Jobs zu übernehmen.

Vielleicht liegt die beste Personalentwicklung manchmal nicht zwischen Baumkronen und Iglus, sondern mitten im Familienalltag.

Und vielleicht ist es an der Zeit, nicht länger Anwesenheit zu belohnen, sondern Ergebnisse – und Vätern die Freiheit zu geben, beides zu sein: engagierte Beschäftigte und präsente Väter.

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