Präsenz ist kein Beweis für Leistung
Wer Beruf und Familie unter einen Hut bringen will, braucht vor allem eines: Zeit. Zeit für den Job, Zeit für Kinder, Partnerschaft, Pflege oder einfach Zeit für das Privatleben. Trotzdem hält sich in vielen Unternehmen hartnäckig die Vorstellung, flexible Arbeitszeiten allein würden das Vereinbarkeitsproblem schon lösen. Die Realität sieht oft anders aus.
Wann sind Sie zuletzt pünktlich aus dem Büro gegangen? Vielleicht sogar vor allen anderen? Häufig folgen darauf halb scherzhafte Bemerkungen wie: „Na, heute nur ein halber Tag?“ oder „Du machst wohl früher Schluss?“ Auch wenn solche Kommentare locker gemeint sind, transportieren sie eine klare Botschaft: Wer früh geht, gilt schnell als weniger engagiert.
In anderen Ländern wird das völlig anders gesehen. So gilt es in Schweden eher als Warnsignal, wenn Beschäftigte regelmäßig bis spät abends im Büro sitzen. Nicht selten wird dann gefragt, ob privat etwas nicht stimme. Gleichzeitig ist die Erwartung an Vollzeit realistischer: 40 Stunden bedeuten tatsächlich 40 Stunden – und nicht dauerhaft 50 oder 60.
Deutschland dagegen lebt seit Jahren von Überstunden. Milliarden davon werden jedes Jahr geleistet, ein großer Teil sogar unbezahlt. (So viel zum Thema: “Wir müssen mehr leisten!”) Und das, obwohl es keinen überzeugenden Beweis dafür gibt, dass längere Anwesenheit automatisch bessere Ergebnisse bringt. Im Gegenteil: Die Konzentration sinkt nach mehreren Stunden deutlich, Fehler nehmen zu und die Produktivität fällt ab. Das ist wissenschaftlich längst bekannt.
Dennoch wird Anwesenheit vielerorts weiterhin mit Leistungsbereitschaft verwechselt. Wer besonders lange bleibt, gilt oft als engagiert. Dabei könnte man dieselbe Situation auch anders interpretieren: Vielleicht sind Prozesse ineffizient, Aufgaben schlecht verteilt oder Menschen schlicht überlastet.
Gerade für Eltern und pflegende Angehörige wird dieses Denken schnell zum Problem. Flexible Arbeitszeiten klingen auf dem Papier gut. Wenn aber gleichzeitig erwartet wird, ständig erreichbar zu sein oder regelmäßig Überstunden zu machen, bleibt von der angeblichen Flexibilität wenig übrig. Kitas, Schulen, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen orientieren sich nicht an Meeting-Kulturen oder spontanen Abendterminen.
Spannend war deshalb der Ansatz des sogenannten ROWE-Modells – „Results Only Work Environment“. Unternehmen in den USA experimentierten damit, Beschäftigte ausschließlich an ihren Ergebnissen zu messen statt an ihrer Präsenz im Büro. Entscheidend war nicht mehr, wann jemand arbeitet oder wie lange er oder sie am Schreibtisch sitzt, sondern ob die vereinbarten Aufgaben erfüllt werden. Das Modell ließ sich nicht überall konsequent umsetzen, zeigte aber eine wichtige Richtung auf: Leistung entsteht nicht automatisch durch Anwesenheit.
Hinzu kommt noch etwas anderes: Wissensarbeit endet nicht an der Bürotür. Gute Ideen entstehen selten auf Knopfdruck zwischen neun und siebzehn Uhr. Kreative Lösungen kommen oft beim Spazierengehen, unter der Dusche, auf dem Spielplatz oder kurz vor dem Einschlafen. Wer geistig arbeitet, denkt nicht nur während der offiziell erfassten Arbeitszeit nach.
Vielleicht wäre deshalb schon viel gewonnen, wenn Unternehmen weniger Kontrolle über Anwesenheit ausüben würden – und stattdessen stärker darauf schauen, was tatsächlich erreicht wird. Für viele Familien wäre das ein entscheidender Schritt zu einer echten Vereinbarkeit.
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